Thiemo Mättig

Thiemo Mättig

Wahrscheinlich muss der Versuch, kritische Antworten auf kritische Blogbeiträge via Twitter zu formulieren, schon aus technischen Gründen zum Scheitern verurteilt sein. Lasst es mich statt dessen hier versuchen.

Schmalenstroer, ein Historiker und »langjähriger Wikipedianer«, mit dem ich leider keinen Benutzernamen verbinden und dessen Rolle in der Community ich persönlich nicht einschätzen kann, schreibt in seinem Blog über den aktuellen Kompetenzkonflikt zwischen der deutschsprachigen Wikipedia-Community und der amerikanischen Wikimedia Foundation. Der Foundation obliegt die technische Komponente des Mammutprojekts Wikipedia – immerhin die viert- bis fünftwichtigste Website der Welt, je nachdem, wie man zählt – und seiner Schwesterprojekte. Darin ist man sich auch grundsätzlich einig: Ihr kümmert euch darum, dass die Server die Besucherströme aushalten, stellt uns die Werkzeuge zum Schreiben und Pflegen der Enzyklopädie zur Verfügung und wir, die Community, kümmern uns um die Inhalte.

Es klingt so einfach und hat doch so viele Zwischentöne, über die sich unendlich viele Diskussionen führen lassen und meiner Meinung nach auch geführt werden sollen, ja müssen, denn konstantes Hinterfragen ist eine der Säulen, die die Communitys und das Movement insgesamt tragen und vorwärts bringen. Eine dieser Diskussionen hat nun zu einem Eklat geführt, der – leider weniger übertrieben als man hoffen sollte – inzwischen als Handgranate mit gezogenem Stift auf dem Boden liegt. Alle Umstehenden erstarren. Schauen sich ratlos an. Niemand wagt, sich zu bewegen. Noch ist nichts passiert. Ratlosigkeit.

An Schmalenstroers Beitrag ist nichts unbedingt falsch – nicht, dass man mich da falsch versteht. Er berücksichtigt viele Faktoren und lässt mir doch viel zu viel aus. Jedem seine Meinung, keine Frage, und ich bin immer sehr dankbar dafür, wenn mich jemand auf sachliche Art und Weise an seinen Gedanken teilhaben lässt, gerade wenn sie mit meinen nicht übereinstimmen. Und doch ist da so viel, das ich nicht unkommentiert stehen lassen möchte.

Schmalenstroer schreibt:
  • »Diesmal geht es um einen neuen Medienbetracher«. Der Konflikt, um den es jetzt geht, hat sich am Medienbetrachter entzündet, ja, aber um ihn selbst geht es schon längst nicht mehr. Es geht um das Rollenverständnis, das Community und Foundation von sich und dem jeweiligen Partner haben.
  • »der das Anschauen von Bildern deutlich verbessert«. Der mit dem Ziel entwickelt wurde, das Anschauen von Bildern zu verbessern. Ob er dieses Ziel in seiner jetzigen Ausgestaltung erreicht, ist Teil der Diskussion.
  • »Die Details sind zu irrelevant, um sie jetzt hier nachzuerzählen«. Oh, komm schon. Du willst über einen Streit sprechen, der sich unter anderem an exakt diesen Details entzündet hat, und lässt sie dann einfach aus? Ich will wirklich niemandem zu nahe treten – wir kennen uns ja gar nicht – aber ein solcher Satz hinterlässt bei mir den Eindruck, dass der Schreiber entweder seine Leser nicht für befähigt hält, sich anhand der Fakten selbst eine Meinung zu bilden, oder er die Tragweite der Details, die er so generös übergeht, selbst nicht in vollem Umfang verstanden hat. Ich tue dem Schreiber sicher Unrecht, wenn ich so viel in diesen Halbsatz hinein interpretiere, aber so kommt er bei mir leider an.
  • »Es gibt in Teilen der Wikipedia-Community enorme Vorbehalte gegenüber technischen Neuerungen«. Insbesondere dieser These, in dieser Formulierung, möchte ich deutlich widersprechen. Sie verdreht den Gemeinten regelrecht das Wort im Mund. Es gibt niemanden, der technische Neuerungen nur um ihrer selbst willen ablehnt, einfach nur weil es etwas Neues ist. Das ergäbe überhaupt keinen Sinn. Warum sollten alteingesessene Wikipedianer, die effizient mit den vorhandenen Werkzeugen umzugehen wissen, neue Werkzeuge ablehnen, so lange ihnen niemand ihre bisherigen Werkzeuge nimmt? Das ist der Knackpunkt. Nicht die Einführung von etwas Neuem sondern die Störung oder gar Abschaffung von Etabliertem. »Teile« der Community als Technikfeindlich auszugrenzen und so quasi einen Graben zwischen vorwärts und rückwärts blickenden Wikipedianern zu schaufeln, halte ich für unsachlich und in keiner Weise geeignet, der Diskussion einen zielführenden Aspekt hinzuzufügen.
  • »Visual Editor, der endlich eine Bearbeitung ohne nervigen und anfängerabschreckenden WikiText ermöglichen sollte.« Anfängerabschreckend? Ja. Nervig? Nein. Mein immer noch liebstes Gegenbeispiel ist das Textsatzsystem LaTeX. Jeder Student – und damit meine ich ausdrücklich nicht nur Informatikstudenden –, der einmal die Hürde überwunden und seine erste größere Arbeit damit geschrieben hat, will nie wieder zu Microsoft Word zurück. Und das gilt im Jahr 2014 immer noch genauso wie im Jahr 1994. LaTeX und Wikitext sind Werkzeuge. Simple Werkzeuge, ja, aber wer ist je auf die Idee gekommen, »Hammer, Schlägel, Meißel und Messer« abzuschaffen? Klar nutzen Bildhauer moderne Technik fürs Grobe, und es gibt sicher auch welche, die komplett auf die »alten« Werkzeuge verzichten, weil sie ihren Stil der Technik angepasst haben. Aber das macht die »alten« Werkzeuge nicht obsolet. Im Gegenteil. Was gibt man Lehrlingen und Kunststudenten zuerst in die Hand? Feilen und Hämmer. Ich überlasse es ab hier mal meinen Lesern, zu überlegen, warum das eine gute Idee sein könnte. Abgesehen davon ist der Visual Editor nicht weg. Er ist einen Klick entfernt.
  • »Die vehemente Abwehr technischer Neuerungen führt auch dazu, dass die Wikipedia den technischen Anschluss verpasst hat. Sie ist eine Seite aus dem letzten Jahrzehnt und hat die technischen Neuerungen der letzten 10 Jahre einfach nicht mitgemacht.« Ich weiß wirklich nicht, wie ich sachlich darauf eingehen soll. Keine Silbe davon ist in dieser Absolutheit wahr. Die MediaWiki-Software entwickelt sich teils mit erschreckender Geschwindigkeit – wobei die Qualität auf der Strecke bleibt, aber das ist ein anderes Thema. Mehr und mehr Komponenten nutzen dynamisches HTML oder AJAX, wie man heute sagt. Vorlagen werden auf Lua-Programmierung umgestellt. Videos werden immer besser unterstützt. Es gibt an keiner Stelle Stillstand. Ja, es ist richtig, dass es Stellen gibt, die sich in den letzten zehn Jahren zu langsam entwickelt haben, weil die Entwicklung allein Freiwilligen überlassen wurde. Commons ist mein persönliches Paradebeispiel dafür. Aber ist daran die Foundation Schuld, die erst einmal Strukturen und Entwicklerteams aufbauen musste? Sind die Benutzer Schuld, die jetzt den Medienbetrachter für unausgereift halten? Nein, tut mir leid. Das ist mir viel zu einfach, vor allem da ich weiß, dass es die selben Benutzer sind, die seit zehn Jahren erfolglos um dringend notwendige technische Neuerungen bitten.
  • »Andere Webseiten sind der Wikipedia da schon lange davongezogen«. Merkwürdig. Ich kann nichts dergleichen beobachten. Wikipedia ist ungebrochen eine der fünft meistbesuchten Websites der Welt. Dieser Herr hat das kürzlich ganz wunderbar auf den Punkt gebracht: There is nothing to change. Wikipedia ist so erfolgreich, weil sie so ist, wie sie ist. Wer die Art und Weise, wie Wikipedia Inhalte vermittelt, als altbacken bezeichnet, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er überhaupt verstanden hat, worum es in den Wikipedien im Kern geht und wie Wikipedia zum selbstverständlichen ersten Klick für so viele Menschen auf der Welt werden konnte. Eben weil sie nicht so ist wie alle anderen Websites. Wikipedia vermittelt nicht das Gefühl wie so viele anderen Websites, dass der einzige Grund, warum der Betreiber seine Besucher möglichst lange auf der Seite halten will, derjenige ist, ihnen mehr Werbung zeigen zu können. Welche »anderen Websites« sind der Wikipedia in dieser Hinsicht »davongezogen«?
  • »wenn sie einmal auf die Idee kommen sollte, verstärkt auf Videos zu setzen.« Videos sind etwas Inhaltliches, nichts Technisches. Die Technik ist da. Man kann Videos hochladen und einbinden. Da hat sich gerade im vergangenen Jahr viel getan. Aber Inhalte zu produzieren, obliegt der Community, da wirst auch du mir ganz sicher nicht widersprechen. Die Marke von 2000 deutschsprachigen Artikeln mit Videos wurde erst vor kurzem geknackt. Immer noch viel, viel zu wenig. Ich wüsste ehrlich keinen, der da widersprechen würde. Mit Videos für Wikipedia-Artikel (VWA) gibt es einen neuen, ambitionierten Versuch, Benutzer dafür zu begeistern. Wer ist Schuld daran, dass es kaum jemanden interessiert? Die beschworene Technikfeindlichkeit fällt mir da als allerletzter Grund ein. Tut mir Leid.
Größtenteils stimme ich dir absolut zu, Thiemo. Die Wikipedia ist eine Institution des Wissens und sollten die Beitragszahlen wirklich sinken, liegt es sicherlich nicht an der Technik. Kein Mensch schreibt mehr, nur weil der Editor so einfach zu bedienen ist. Die Erfahrung durfte ich selber mehrfach machen.

Videos in der Wikipedia halte ich für gefährlich, sofern es sich nicht um reine Animationen handelt. Videos (und auch Fotos) altern relativ schnell und vor allem Videos müssen relativ schnell recht aufwändig neu gemacht werden, weil ggf. die Aktualität nicht mehr stimmt.

Mein Hauptproblem mit der Wikipedia liegt oft im Kern der Inhalte, weshalb ich ja mal auf die Idee kam, für meinen Fachbereich ein eigenes Wiki zu machen. Der Konsequente Aufbau auf Quellen (die oft auch falsch oder unvollständig sind) ist mir vor allem in meinem Fachbereich zuwieder. Oft werden viele nützliche oder gar wichtige Dinge bewusst oder unbewusst weggelassen, was Sachverhalte in einem falschen oder unzureichenden Licht darstellen lässt.

Ein weiteres Problem ist oft die Wahrnehmung der Wikipedia. Was darin steht, gilt als unumstößlichen Fakt. Dafür kann die Seite nichts, aber der Umgang mit den Informationen ist dann doch bedenklich.
Sven

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